Ich gestehe: Vor der sysiphosophischen Aufgabe stehend, dieses Weblog möglichst regelmäßig mit Content speisen zu müssen wollen, geht in meinem verführerischen Kopf manchmal (Achtung, Steilvorlage für Kritiker) gar nichts vor – außer der Ausdehnung der dunklen Materie natürlich. Und plötzlich wieder geht es in ihm derart rund, dass dabei einfach kein runder Blogeintrag rauskommt. Letztere Phasen produzieren in schöner Unregelmäßigkeit Artikelsteinbrüche, Textrohkost und Polemiksplitter, die sich in der Draft-Leiste des Weblog-Editors sammeln wie linke Socken zwischen Trommel und Motor der Waschmaschine. Drei dieser Fragmente, die einst begonnen, jedoch aufgrund von Mangel an Lust und Zeit oder durch Wandel des Sinns nie beendet wurden, gebe ich hiermit auf den Blog-Kompost. Der Grund: siehe oben.
Von Freud’schen Fehlleistungen und Meinungsführern.

Per Zufall entdeckt: das auf der ADC-Website publizierte Kreativranking enthält dieses Jahr eine bemerkenswerte, wenn auch sicherlich ungewollte Beschreibung dessen, worum es bei der ganzen Sache wohl im wesentlichen geht – womit nahezu flüssig zum nächsten Reiz-Thema übergeleitet wäre: dem von Spießer Alfons letzte Woche im Horizont Blog als “braune Kacke” tituliertem Reiseführer-Funkspot beziehungsweise den daraufhin netzöffentlich entbrannten Disput darüber.
Meine bescheidene Meinung dazu: Aufregend an der ganzen Sache ist höchstens die Aufregung selbst. Und beschämend ist nicht primär die gedankenlose Verwendung der Unfigur H. in einem kommerziellen Kontext, sondern die Auszeichnung mit einem silbernen Nagel für eine Idee aus der Wortspiel-Grundschule, die zudem deutlich unterdurchschnittlich umgesetzt wurde. Denn es ist einfach erstaunlich, wie berechenbar noch immer billigste und durchschaubare Provokationsmechanismen zünden können: der GröFaZ als Slipknot-Frontmann für die 68er Werbeflak-Generation.
Haben die politisch korrekten Kritiker jemals überlegt, dass sie damit umgekehrt proportional genau jenen Reflexen folgen, die auch Fundi-Moslems das Stammhirn überkochen lassen, nur weil sie ihren geliebten Religionsführer statt mit dem Krummdolch in der Hand mit einer Stange Dynamit in der Kopfwindel sehen?
Oder dass die politische Satire, die ja im Gegensatz zu schnöder Werbung alles darf, durchaus ebenfalls kommerziellen Gesichtspunkten unterliegt, wenn sie sich an ein heißes Eisen wagt, weil dieses unweigerlich Aufmerksamkeit, Auflage und/oder Zuschauerzahlen steigert? Oder dass mitnichten die Gefahr der Verharmlosung besteht, denn welche grundüberzeugte Nazisau würde es tolerieren, dass ihr tausendjähriges Idol und sein alberner Sprachgestus für einen schnöden Funkspot missbraucht wird, der zudem nicht einmal für eine Kraft-durch-Freude-Reise in den östlichen Lebensraum wirbt…
Alles Fotzen außer Mutti.
Unter dem Titel “Vom Insourcing zur Inzucht? Oder können Kunden wirklich alles?” hat Winfried Bergmann, Geschäftsführer Kreation der Serviceplan Werbeagentur, vor nunmehr mehr als einem Jahr novum 01/06 eine anhaltend um sich greifende Unsitte unter Marketingverantwortlichen deutlich benannt.
Nach einer Zwischenphase heilsamer Besinnung hat sich der Trend zum Outsourcing jetzt wohl in sein Gegenteil verkehrt. Oder wie ist es sonst zu verstehen, wenn einer der namhaftesten Autobauer dieses Landes, der im übrigen mit seinen Kreativ-Dienstleistern über viele Jahre hinweg hervorragende Erfahrungen gemacht hat, plötzlich für seine Agenturen die Filmproduktionen und die Fotografen selbst aussuchen will – auf Basis von Preis- und Rabattstaffeln, die sich der zentrale Einkauf ausgedacht hat? Da in der Branche nichts darüber bekannt ist, daß nämlicher Autobauer mit Top-Art-Buyern und Spitzen-FFFlern personell aufgerüstet hat, ist anzunehmen, daß er sich die oben erwähnten Entscheidungen selber zutraut. Wer einen Vierradantrieb entwickeln kann, der wird wohl auch noch einen Fotografen aussuchen können – wäre doch gelacht, oder?
Das Phänomen, Werber und Gestalter, vor allem im exekutionellen Bereich, ihre Arbeit nicht zu Ende machen zu lassen, ist alles andere als ein Einzelfall. [...] Die Kreativen der Agenturen und ihre freischaffenden Kollegen werden gebraucht, um Konzepte, Kampagnen und Sujets zu entwickeln. Die Realisierung nimmt man ihnen dann immer häufiger aus der Hand.
Doch worin liegen die Gründe? Meines Erachtens in zwei Entwicklungen. Die erste: Nicht wenige Produkt- und Marketingkommunikationsmanager leben in dem Bewusstsein, dass ein abgeschlossenes WiWi-Studium zur legitimen Nachfolge Leonardo Da Vincis befähigt. So jemand lässt sich nur schwer beraten, überzeugen oder begeistern. Denn als „studium generale“ der modernen Wirtschafts- und Karrieregesellschaft hat dieses Fach längst all jene Kulturtechniken abgelöst, die einmal das Fundament für Allgemeinwissen bildeten – und damit die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, einzuordnen und selbst herzustellen.
Gleichzeitig unterliegt das Marketing – und dies ist Entwicklung Nummer Zwei, immer stärker dem (von Bergmann ebenfalls erwähnten) Diktat von Einkauf und Controlling. Also einem Menschenschlag jenseits des “homo faber”, der selbst die Liebe auf eine simple Kosten-/Nutzenrechnung reduzieren würde, bei der Bestellung des Tagesgerichts in der Werkskantine am liebsten drei Parallelangebote verlangt und das Marketing konsequent in die Paralyse zwischen Marktforschung und Quartalsberichten treibt. Weder die Visionäre noch die Tüftler führen die Unternehmen derzeit in die Zukunft, sondern die Buchhalter. Gruselig.
Gepaart ist diese implosive Mischung mit einem frappierenden Verständnismangel für die Komplexität dessen, was allgemeinhin als “Exekution” bezeichnet wird. Diese ist vielmehr nur noch ein Produktionsfaktor unter vielen und muss sich Effizienzkriterien unterwerfen, die auf eine im Wesen nach künstlerische Tätigkeit einfach nicht anwendbar sind.
Gibt es dennoch einen Ausweg? Die Zeiten der hemdsärmeligen, unabhängigen und entscheidungsfreudigen Unternehmenspatriarchen sind unwiderruflich vorbei. Ehrlicherweise wünscht man sie sich aber auch gar nicht zurück, wenn der Preis dafür der ewige Gummibärchengottschalk ist. Selbst Klassiker vom Schlage eines „Ich trinke Jägermeister, weil…“ stützen da lediglich die Hypothese, dass zwar jeder Alleinentscheider das Potential hat, ein dauerhaftes Zeichen zu setzen, aber irgendwann auch das Gespür verliert, die Zeichen der Zeit zu erkennen.
Was es wohl eigentlich braucht, ist ein Paradigmenwechsel in Denkkultur und Erfolgsmessung auf Kundenseite. Will heißen: Weg vom Phantasie? Utopie? Sehr wahrscheinlich. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Morgen früh geht’s weiter…
Reality Check.
Der gestrige Eintrag deutete bereits an, was mich derzeit im allgemeinen und manchmal auch im besonderen umtreibt: Statt darum zu kämpfen, die Welt, oder zumindest die Werbung darin wenigstens ein kleines bisschen besser zu machen, zieht sich die versammelte Werbegemeinde immer häufiger auf isoliert vom Alltag liegende Agenturfarmen zurück, in deren Parallelscheinwelt willige Jungkreative dem Mantra ihrer mit Gold, Silber und Bronze umkränzten Kreativgurus lauschen. Dabei ist der ungeordnete Rückzug in den Elfenbeinturm (der allerdings auch gerne mal die Form einer Gummizelle annimmt) das Ergebnis eines hausgemachten Scheiterns, nämlich dem am eigenen Anspruch. Unter Gold geht nicht mehr. Da ist dann selbst eine “Auszeichnung” eher Stigma und Makel als Nachweis überdurchschnittlicher Kreativität.
In der aktuellen Qvest steht ein interessanter Artikel von Drogenfachmann Jörg Bökem, der einmal mehr das in den 90ern vor allem unter Medienschaffenden verbreitete Koks-Phänomen zitiert. Ich sehe hier Korrelationen. Wir alle sind nüchterner geworden, vielleicht können wir uns das Koks mit unserem bisschen Kohle auch nicht mehr leisten. Doch während sich der Werber früher ganz real in seine Scheinwelt verabschiedete und es ihm, high wie er war, reichte, sich für ein paar Stunden wichtig und toll zu fühlen, muss das Hochgefühl für das chronisch unterernährte Kreativenego nun durch das Anhäufen von Werbepreisen substituiert werden. Aber auch hierbei greift man mittlerweile wieder gern auf leistungssteigernde Mittel zurück, wenn auch nicht mehr für den eigenen Körper, sondern in Form von Kampagnendoping…
Wie man Ideen neutralisiert.
Gute Kreative lechzen nach konkreten Aufgaben. Die können mit komplett offenen, medienneutralen Briefings wenig anfangen.
Right again Mike Ries (oder war’s Till Wagner?). Die berühmte Freiheit eines engen Briefings [...] Ein ebenso häufig ins Spiel gebrachter Teilaspekt der nimmermüden Integrationsdebatte ist der Buzz-Begriff “Medienneutralität”: Kunden fordern sie – angeblich, Agenturen wollen sie – angeblich. Hierbei wird dann aber gerne ausgeblendet, dass insbesondere internationale Markenartikler à la P&G, Unilever, Masterfoods Mars, Kraft, Néstle & Co. für das Gros ihrer Produkte Mediapläne und -kanäle einer Kampagne schon längst bis ins Kleinste definiert (und ausgehandelt) haben, bevor die zuständige Kreativagentur das Wort “Briefing” auch nur hört. Denn der moderne ML plant von den zu prognostizierenden Reichweiten in Verbindung mit zu erfüllenden Kennziffern her, die wiederum via Marktforschung und Controlling an ihn gestellt werden.
Will heißen: Wenn eine Kampagne zum Beispiel diese oder jene GFK-Werte zu erreichen hat, um erfolgreich zu sein, weil eben diese oder jene Werte in der Vergangenheit eine Umsatzsteigerung von X oder einen Recall von Y erzielt haben, dann sind von vorneherein all jene Medien ausgeschlossen, die derzeit nicht verbindlich durch die GFK erfasst werden.
Oder wenn in multinationalen, standardisierten Kampagnen-Post-Tests bestimmte Image-Items als Schlüsselfaktoren für die Erfolgsmessung des Marketings definiert werden (und nachgelagert dessen Budgetierung), verbietet dies von Anfang an den Einsatz von Medien oder Ideen, die nicht die passenden Werte für die definierten Kennzahlen liefern - selbst wenn sie besser verkauften…