Archiv für die Kategorie 'Geständnisse eines Werbemanns'




Statement of Mind

Waiting for the siren's call

But that’s what you do to earn your daily wage
That’s the kind of world that we’re living in today
Isn’t where you wanna be
And isn’t what you wanna do
Just give me one more day
Give me another night
I need a second chance
This time I’ll get it right

New Order, Krafty

Aber ich will jetzt gar nicht so rumheulen, sondern lieber auf eine zugleich unheimlich inspirierende und informative Website hinweisen: sleevage.com – das Album Cover Blog.



Dinge, die ich auf dem letzten Filmdreh lernte

1. Sonnenschein sieht im Film vielleicht nach Sommer aus, aber bei ca. 2° Celsius Außentemperatur sieht man vor allem die Atemwolken des Schauspielers, die ein wenig seiner leichten Sommerbekleidung widersprechen.

2. Um die Atemwolken zu reduzieren, müssen Schauspieler dann a) die Luft anhalten, ohne dass es so aussieht, als würden sie die Luft anhalten, und wenn das nicht ausreicht b) Eiswürfel lutschen, um ihren Atem herunterzukühlen.

3. Wenn das ebenfalls nicht ausreicht, schmeißt man im Schnitt die Hälfte der gedrehten Einstellungen weg (gut, wenn die andere Hälfte für den TV-Spot ausreicht).

4. Niemals, niemals bleiche Papp-Sandwiches mit Bergen von Butter und billigem Käse essen, die spanische Airlines auf dem Flug als Snack anbieten. Erst recht nicht, wenn man wenige Stunden später halbrohes Steak vom Wild verzehrt, dessen blutiger Saft sich mit dem Kartoffelpürree auf dem Teller zu einem rosa Brei vermischt. Es sei denn, man findet es nur ansatzweise demütigend und vielleicht sogar ein bisschen aufregend, mitten auf einer Kreuzung in der spanischen Hauptstadt aus dem Auto zu springen und vor den Augen vorbeilaufender Madrilenen auf den picobello Gehweg zu kotzen.



Meine kleine Zeit-Geschichte. Oder wie ich einmal in den Kopf von Christoph Amend hineinkroch und schlimmes Szenefieber bekam

Seit zwei Wochen erscheint zu vieler Menschen Freude, auch meiner, auch wenn ich das SZ-Magazin weiterhin zehnmal mehr lieb habe, wieder das ZEIT Magazin, heuer mit dem dämlichen Zusatz Leben, aber das hat so seine Gründe, denn das Magazin beerbt dadurch das Ressort, das das Magazin beerbte. Wobei: Angesichts der Selbst- und Sehnsuchtsdarstellungen der sicherlich nicht nur zielgruppenrelevanten, sondern auch -repräsentativen Kontaktanzeigenseite mitten im Heft, übrigens die lustigste Kolumne die keine ist, kann man dem erweiterten Magazintitel durchaus noch eine weitere Deutung abgewinnen. So scheinen nämlich aus jeder Zeile dieser lustigsten Kolumne im Heft, die keine ist, lustige Witwen und frühvergreiste Töchter und Söhne aus besseren Häusern zu röcheln: “Leben! Ja, ich will leben! LEBEN!”.
Aber ich schweife ab, bevor ich überhaupt begonnen habe. Was ich eigentlich sagen wollte: Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Nämlich zum Beispiel die, dass ausgerechnet Christoph Amend Redaktionsleiter eben dieses ZEIT Magazins ist, nachdem er zuvor der ZEIT Lebensleiter war. Jener Christoph Amend, dem ich zwar nie persönlich begegnet bin, dessen Lebensweg sich jedoch intensiv mit meinem eigenen gekreuzt hat. Denn ich habe eine ganze Geschichte über Christoph Amend geschrieben, und das habe ich nicht über und nicht für viele Personen gemacht.
Es passierte vor ungefähr 12, 13 Jahren, genauer kann ich es nicht mehr datieren. Zu jener Zeit trat Christoph Amend gerade auf den Plan und er tat dies in seiner Stadt, die damals auch meine war: Gießen. Dort berichtete er in diversen Gazetten und Stadtmagazinen der Provinz aus dem (eigenen) viel größeren Popkultur-Kosmos, vorzugsweise mit einem Gestus, der deutlich erkennen ließ, dass jemand wie Christoph Amend da eigentlich nicht hingehört (in die örtlichen Gazetten und in die Provinz, meine ich). Ich hingegen war damals offiziell noch Journalistik-Student, und genau wie meine Freunde und WG-Mitbewohner genervt von seinem nöligem Provinz-Bashing und dem hedonistischem Geschreibsel aus der entpolitisierten Generation Golf heraus (die damals noch nicht so hieß). So habe ich schließlich eines Tages den unten folgenden Text als Replik auf einen Rave-Artikel Amends im Giessener Magazin Express verfasst – aber niemals abgeschickt. Mit der nun aufgetauchten Möglichkeit, das einstmals Verfasste an der Zeitläufte zu messen, habe ich jedoch den Eindruck, dass ich damals wohl eine erstaunlich präzise Einschätzung von Amends Antrieb und Ambitionen entworfen hatte, auch wenn eine derartige Polemik der eigentlichen Person mit Sicherheit keineswegs gerecht wird.
Christoph Amend jedenfalls hat später fürs jetzt-Magazin in München geschrieben und ist dann nach Hamburg gegangen. Ich habe irgendwann aufgehört, für eine Lokalzeitung in Mittelhessen zu schreiben und bin nur ein paar Kilometer südlich in die Werbung. Doch frage ich mich: Wer hat den weiteren Weg zurückgelegt?

Reporter ohne Grenzen (ca. 1994)

Oder wie Christoph Amend zum Schreiben kam und es nicht mehr lassen konnte.

Ein kleines Redaktionsbüro in Gießen. Oben im zweiten Stock, eingekeilt zwischen den hübschen Telefonistinnen der Kleinanzeigenannahme und den quasseligen Typen der Anzeigenredaktion saß Christoph Amend in seinem Büro und dachte nach. Letzte Woche, die Story über diese grottenschlechten Unifeten, das war schon ein Knüller gewesen. Schwer zu toppen. Aber auch diese Woche mußte er wieder ran. Und deswegen dachte Amend nach. Welche Mißstände der drögen Universitätsstadt mit ihrem provinziellen Mief konnte er wohl noch aufs Korn nehmen? Bestimmt gab es irgendwo ein heißes Eisen, das darauf wartete, daß sich einer wie er die Finger daran verbrannte. Aber wo bloß? Ihm wollte partout nichts einfallen. Mit einer schnellen Geste fuhr er sich durch das kurze blonde Haar. An seinen Fingerspitzen blieb ein wenig Gel hängen. Das kam von seiner kecken kleinen Tolle, die er sich in die Stirn frisiert hatte. Über Amends Gesicht huschte ein Lächeln. Er hatte sie, seine neue Geschichte. Und das Beste: Er brauchte sich nicht mal die Hände schmutzig zu machen. Nicht wie bei dieser Drecks-Reportage im Uni-Milieu. Ein wenig selbstvergessen strichen seine klebrigen Finger über die letzte Ausgabe des Stadtmagazins, als Worte und Sätze in seinem Kopf langsam Gestalt annahmen.

Sein Talent zum Schreiben hatte Amend schon früh entdeckt. So um die sechs mußte er gewesen sein und es war verblüffend, wie schnell seine kleinen Händchen mit Hilfe der bunten Wachsmalstifte hübsche Bögen auf das Papier malen konnten. Der Lehrer war sehr zufrieden mit ihm. Und ehrlich gesagt – auch Amend war sehr zufrieden mit sich gewesen. Bald konnte er ganz ohne fremde Hilfe seinen Nachnamen schreiben. Für den Vornamen brauchte er etwas länger, wegen dem verflixten “ph” am Ende. Aber auch das kriegte er mit Ehrgeiz und Fleiß nach einiger Zeit hin. Schon da spürte er: Er hatte das Talent – und den Biß – um Worte auf dem Papier zum Tanzen zu bringen.

“Tanz auf dem Vulkan. Warum Techno in Gießen keine Chance hat.” So würde der Titel der Story lauten. Den hatte er also im Sack. Fehlte nur noch der Rest. Aber das war kein Problem. Amend notierte sich Namen auf seiner Liste – Freunde, die er anrufen würde, wegen Statements und Hintergrundmaterial. Er war dankbar für seine Freunde aus der Szene. Oft genug lieferten sie ihm die Facts und Feelings, die seine Reportagen so authentisch und lebendig machten. Er bedankte sich dafür, indem er in seinen Artikeln den ein oder anderen Namen droppte. Warum sollte er seine Szene nicht ruhig ein wenig pushen?

Schließlich war das Teil seines spannenden Lebens, und sein Leben Teil des Gießener Lebens. Woraus sich wiederum ganz klar folgern ließ: Was ihn interessierte, interessierte auch alle anderen Gießener. Nicht umsonst war er deshalb zum Sprachrohr der anderen Gießener Generation X aufgestiegen. Jener Generation, die sich nicht einfach gehen ließ. Jener Generation, die Spaß haben wollte und auf gute Parties gehen. Für die Techno und Ecstasy etwas anderes war als Auswüchse einer gleichgültigen, oberflächlichen Teenagermasse. Wo man die Welt verbessern konnte, indem man es einfach ließ, das Falsche zu tun. Besser noch: Überhaupt irgendetwas zu tun. Amend konnte richtig ins Schwärmen geraten, wenn er an sich und seine Clique dachte. Heftig fuhren seine Finger in die Tastatur des Computers. Die Worte kamen wie von selbst. Wie immer.

Seine Neigung zum Journalismus verfestigte sich in der Oberstufe. Damals war Amend voll auf Tempo und Wiener. Die Reporter und Reportagen dort, die machten was los. Literatur und schöne Frauen, Recherchieren in der Drogenszene, die neuesten News aus L.A. und N.Y. besorgen. Am Wochenende Party in London, im Winter die Story über die coolen Snowboardtypen in den Anden. Oder waren das doch die Alpen gewesen? Egal. So wollte er auch leben. Scheiß auf das langweilige Leben in so einem Kuhkaff, er konnte von der Welt mehr erwarten als das. Amend begann, die richtigen Connections zu knüpfen. Mit den richtigen Leuten abzuhängen. Die richtige Musik zu hören. Fein säuberlich registrierte sein scharfer Verstand jedes noch so kleine Detail. Das war der Fundus, aus dem er später würde schöpfen können. Der Kern seiner Geschichten. Der Kern seiner Geschichte.

Inzwischen hatte er sich so richtig in Rage geschrieben. Diese Gießener Spießer. Denen fiel eh nichts anderes ein, als ständig in irgendwelche gemütlichen Kneipen zu gehen oder in schummrigen Discos - allein der Name war für diese Orte schon schmeichelhaft - rumzutanzen. Zu Musik, die ungefähr so groovy war wie ein Sack Zement und dazu so zeitlupenmäßig langsam, daß Schnellmerker wie Amend nicht einen Fuß vor den anderen kriegten. Und erst die DJs: Die griffen einfach hinter sich ins Regal, holten irgendwelchen Kram raus von Gruppen mit echten Instrumenten, und spielten das Zeug einfach ab. Kein Mix, kein geniales Geficke mit den Technics MK1200 Turntables, so wie in den Frankfurter Clubs, in denen Amend regelmäßig verkehrte. Ihn kotzte Gießen einfach an. Aber er würde es ihnen auf seine Art unter die Nase reiben: Schön subtil und bloß kein offenes Wort der Kritik. Mit den Leuten erstmal freundlich reden und ihnen später öffentlich das Fell über die Ohren ziehen. Insgeheim beglückwünschte sich Amend zu seiner geschickten Vorgehensweise.

Auch Gießen hatte mal eine echt gute Zeit. Damals, als der Spinclub aufmachte. Da war Amend von Anfang an mit dabeigewesen. Das war sein Ding. Schon bald war er mit den ganzen DJs per Du, durfte zuschauen, wie sie die Platten drehten. Dann, als die Leute vom Spinclub auch noch ihr eigenes Heft rausbrachten, das “Nachtleben”, war endlich seine Stunde gekommen. Ab und zu hatte er ja schon den ein oder anderen Artikel geschrieben, für das Gießener Stadtmagazin oder auch für andere Zeitschriften. Jetzt aber konnte er hingehen und so richtig auftrumpfen. Schließlich hatten die Macher zwar viel guten Willen, aber längst nicht so einen abgeklärten journalistischen Background wie er. Die Cooperation funktionierte von Anfang an bestens. Amend schrieb über die Themen, die die Welt, also ihn, schon immer interessierten. Die anderen steuerten ihre Aufsätzchen bei und machten das Layout. Das Beste aber: Manchmal gelang es ihm tatsächlich, ein Thema seines Nachtlebens auch in das Stadtmagazin zu hieven. Und immer öfter kamen die Leute, um ihn um einen Gefallen zu bitten. Er mochte das.

Die wichtigsten Teile seines Artikels hatte Amend jetzt endlich abgenudelt. Inzwischen fühlte er sich ein wenig erschöpft. Immerhin hatte er jetzt eine halbe Stunde am Stück an diesem Mist geschrieben. Zwischenzeitlich war es echt zäh geworden. Noch ein Aspekt – “Die Uni-Leben-Schiene” – wie er es nannte, dann war er endlich durch. Kurz schweiften seine Gedanken ab zu letztem Sommer, als er bei der Love-Parade in Berlin gewesen war. Ach was! Nicht einfach gewesen, er war in der Masse aufgegangen. Hingefahren waren sie damals mit diesem Sonderzug, den seine Bekannten organisiert hatten. Da gab es ordentlich Stimmung; gleich von Anfang an. Ein Partyzug. Mit DJs, Tanz und allem Drum und Dran. Klar, daß er darüber einen exklusiven Bericht schreiben mußte, sowas hatte Gießen ja auch noch nicht gesehen. Und in Berlin dann. Mit einer leichten Rührung irgendwo in seiner Körpermitte dachte er an die Frau mit den Super-Titten, die sie aus ihrem freigeschnittenen Shirt hängen ließ und die am nächsten Tag in allen Zeitschriften war. Er aber hatte sie live gesehen.

Amend schüttelte kurz den Kopf, ein verschmitztes Grinsen umspielte die manchmal so unerbittlich und manchmal so verletzlich wirkenden Mundwinkel. Er schaute kurz auf die Uhr. Heute Abend war Party angesagt in Frankfurt, da wollte er mit seiner Clique unbedingt hin. Schnell tippte er seinen Schlußsatz. Speicherte den Artikel. Und schaltete ab.



Alles muss raus

Ich gestehe: Vor der sysiphosophischen Aufgabe stehend, dieses Weblog möglichst regelmäßig mit Content speisen zu müssen wollen, geht in meinem verführerischen Kopf manchmal (Achtung, Steilvorlage für Kritiker) gar nichts vor – außer der Ausdehnung der dunklen Materie natürlich. Und plötzlich wieder geht es in ihm derart rund, dass dabei einfach kein runder Blogeintrag rauskommt. Letztere Phasen produzieren in schöner Unregelmäßigkeit Artikelsteinbrüche, Textrohkost und Polemiksplitter, die sich in der Draft-Leiste des Weblog-Editors sammeln wie linke Socken zwischen Trommel und Motor der Waschmaschine. Drei dieser Fragmente, die einst begonnen, jedoch aufgrund von Mangel an Lust und Zeit oder durch Wandel des Sinns nie beendet wurden, gebe ich hiermit auf den Blog-Kompost. Der Grund: siehe oben.

Von Freud’schen Fehlleistungen und Meinungsführern.

Agenturen scheiden beim ADC ab

Per Zufall entdeckt: das auf der ADC-Website publizierte Kreativranking enthält dieses Jahr eine bemerkenswerte, wenn auch sicherlich ungewollte Beschreibung dessen, worum es bei der ganzen Sache wohl im wesentlichen geht – womit nahezu flüssig zum nächsten Reiz-Thema übergeleitet wäre: dem von Spießer Alfons letzte Woche im Horizont Blog als “braune Kacke” tituliertem Reiseführer-Funkspot beziehungsweise den daraufhin netzöffentlich entbrannten Disput darüber.
Meine bescheidene Meinung dazu: Aufregend an der ganzen Sache ist höchstens die Aufregung selbst. Und beschämend ist nicht primär die gedankenlose Verwendung der Unfigur H. in einem kommerziellen Kontext, sondern die Auszeichnung mit einem silbernen Nagel für eine Idee aus der Wortspiel-Grundschule, die zudem deutlich unterdurchschnittlich umgesetzt wurde. Denn es ist einfach erstaunlich, wie berechenbar noch immer billigste und durchschaubare Provokationsmechanismen zünden können: der GröFaZ als Slipknot-Frontmann für die 68er Werbeflak-Generation.
Haben die politisch korrekten Kritiker jemals überlegt, dass sie damit umgekehrt proportional genau jenen Reflexen folgen, die auch Fundi-Moslems das Stammhirn überkochen lassen, nur weil sie ihren geliebten Religionsführer statt mit dem Krummdolch in der Hand mit einer Stange Dynamit in der Kopfwindel sehen?
Oder dass die politische Satire, die ja im Gegensatz zu schnöder Werbung alles darf, durchaus ebenfalls kommerziellen Gesichtspunkten unterliegt, wenn sie sich an ein heißes Eisen wagt, weil dieses unweigerlich Aufmerksamkeit, Auflage und/oder Zuschauerzahlen steigert? Oder dass mitnichten die Gefahr der Verharmlosung besteht, denn welche grundüberzeugte Nazisau würde es tolerieren, dass ihr tausendjähriges Idol und sein alberner Sprachgestus für einen schnöden Funkspot missbraucht wird, der zudem nicht einmal für eine Kraft-durch-Freude-Reise in den östlichen Lebensraum wirbt…

Alles Fotzen außer Mutti.

Unter dem Titel “Vom Insourcing zur Inzucht? Oder können Kunden wirklich alles?” hat Winfried Bergmann, Geschäftsführer Kreation der Serviceplan Werbeagentur, vor nunmehr mehr als einem Jahr novum 01/06 eine anhaltend um sich greifende Unsitte unter Marketingverantwortlichen deutlich benannt.

Nach einer Zwischenphase heilsamer Besinnung hat sich der Trend zum Outsourcing jetzt wohl in sein Gegenteil verkehrt. Oder wie ist es sonst zu verstehen, wenn einer der namhaftesten Autobauer dieses Landes, der im übrigen mit seinen Kreativ-Dienstleistern über viele Jahre hinweg hervorragende Erfahrungen gemacht hat, plötzlich für seine Agenturen die Filmproduktionen und die Fotografen selbst aussuchen will – auf Basis von Preis- und Rabattstaffeln, die sich der zentrale Einkauf ausgedacht hat? Da in der Branche nichts darüber bekannt ist, daß nämlicher Autobauer mit Top-Art-Buyern und Spitzen-FFFlern personell aufgerüstet hat, ist anzunehmen, daß er sich die oben erwähnten Entscheidungen selber zutraut. Wer einen Vierradantrieb entwickeln kann, der wird wohl auch noch einen Fotografen aussuchen können – wäre doch gelacht, oder?
Das Phänomen, Werber und Gestalter, vor allem im exekutionellen Bereich, ihre Arbeit nicht zu Ende machen zu lassen, ist alles andere als ein Einzelfall. [...] Die Kreativen der Agenturen und ihre freischaffenden Kollegen werden gebraucht, um Konzepte, Kampagnen und Sujets zu entwickeln. Die Realisierung nimmt man ihnen dann immer häufiger aus der Hand.

Doch worin liegen die Gründe? Meines Erachtens in zwei Entwicklungen. Die erste: Nicht wenige Produkt- und Marketingkommunikationsmanager leben in dem Bewusstsein, dass ein abgeschlossenes WiWi-Studium zur legitimen Nachfolge Leonardo Da Vincis befähigt. So jemand lässt sich nur schwer beraten, überzeugen oder begeistern. Denn als „studium generale“ der modernen Wirtschafts- und Karrieregesellschaft hat dieses Fach längst all jene Kulturtechniken abgelöst, die einmal das Fundament für Allgemeinwissen bildeten – und damit die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, einzuordnen und selbst herzustellen.
Gleichzeitig unterliegt das Marketing – und dies ist Entwicklung Nummer Zwei, immer stärker dem (von Bergmann ebenfalls erwähnten) Diktat von Einkauf und Controlling. Also einem Menschenschlag jenseits des “homo faber”, der selbst die Liebe auf eine simple Kosten-/Nutzenrechnung reduzieren würde, bei der Bestellung des Tagesgerichts in der Werkskantine am liebsten drei Parallelangebote verlangt und das Marketing konsequent in die Paralyse zwischen Marktforschung und Quartalsberichten treibt. Weder die Visionäre noch die Tüftler führen die Unternehmen derzeit in die Zukunft, sondern die Buchhalter. Gruselig.
Gepaart ist diese implosive Mischung mit einem frappierenden Verständnismangel für die Komplexität dessen, was allgemeinhin als “Exekution” bezeichnet wird. Diese ist vielmehr nur noch ein Produktionsfaktor unter vielen und muss sich Effizienzkriterien unterwerfen, die auf eine im Wesen nach künstlerische Tätigkeit einfach nicht anwendbar sind.
Gibt es dennoch einen Ausweg? Die Zeiten der hemdsärmeligen, unabhängigen und entscheidungsfreudigen Unternehmenspatriarchen sind unwiderruflich vorbei. Ehrlicherweise wünscht man sie sich aber auch gar nicht zurück, wenn der Preis dafür der ewige Gummibärchengottschalk ist. Selbst Klassiker vom Schlage eines „Ich trinke Jägermeister, weil…“ stützen da lediglich die Hypothese, dass zwar jeder Alleinentscheider das Potential hat, ein dauerhaftes Zeichen zu setzen, aber irgendwann auch das Gespür verliert, die Zeichen der Zeit zu erkennen.
Was es wohl eigentlich braucht, ist ein Paradigmenwechsel in Denkkultur und Erfolgsmessung auf Kundenseite. Will heißen: Weg vom Phantasie? Utopie? Sehr wahrscheinlich. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Morgen früh geht’s weiter…

Reality Check.

Der gestrige Eintrag deutete bereits an, was mich derzeit im allgemeinen und manchmal auch im besonderen umtreibt: Statt darum zu kämpfen, die Welt, oder zumindest die Werbung darin wenigstens ein kleines bisschen besser zu machen, zieht sich die versammelte Werbegemeinde immer häufiger auf isoliert vom Alltag liegende Agenturfarmen zurück, in deren Parallelscheinwelt willige Jungkreative dem Mantra ihrer mit Gold, Silber und Bronze umkränzten Kreativgurus lauschen. Dabei ist der ungeordnete Rückzug in den Elfenbeinturm (der allerdings auch gerne mal die Form einer Gummizelle annimmt) das Ergebnis eines hausgemachten Scheiterns, nämlich dem am eigenen Anspruch. Unter Gold geht nicht mehr. Da ist dann selbst eine “Auszeichnung” eher Stigma und Makel als Nachweis überdurchschnittlicher Kreativität.
In der aktuellen Qvest steht ein interessanter Artikel von Drogenfachmann Jörg Bökem, der einmal mehr das in den 90ern vor allem unter Medienschaffenden verbreitete Koks-Phänomen zitiert. Ich sehe hier Korrelationen. Wir alle sind nüchterner geworden, vielleicht können wir uns das Koks mit unserem bisschen Kohle auch nicht mehr leisten. Doch während sich der Werber früher ganz real in seine Scheinwelt verabschiedete und es ihm, high wie er war, reichte, sich für ein paar Stunden wichtig und toll zu fühlen, muss das Hochgefühl für das chronisch unterernährte Kreativenego nun durch das Anhäufen von Werbepreisen substituiert werden. Aber auch hierbei greift man mittlerweile wieder gern auf leistungssteigernde Mittel zurück, wenn auch nicht mehr für den eigenen Körper, sondern in Form von Kampagnendoping…

Wie man Ideen neutralisiert.

Gute Kreative lechzen nach konkreten Aufgaben. Die können mit komplett offenen, medienneutralen Briefings wenig anfangen.

Right again Mike Ries (oder war’s Till Wagner?). Die berühmte Freiheit eines engen Briefings [...] Ein ebenso häufig ins Spiel gebrachter Teilaspekt der nimmermüden Integrationsdebatte ist der Buzz-Begriff “Medienneutralität”: Kunden fordern sie – angeblich, Agenturen wollen sie – angeblich. Hierbei wird dann aber gerne ausgeblendet, dass insbesondere internationale Markenartikler à la P&G, Unilever, Masterfoods Mars, Kraft, Néstle & Co. für das Gros ihrer Produkte Mediapläne und -kanäle einer Kampagne schon längst bis ins Kleinste definiert (und ausgehandelt) haben, bevor die zuständige Kreativagentur das Wort “Briefing” auch nur hört. Denn der moderne ML plant von den zu prognostizierenden Reichweiten in Verbindung mit zu erfüllenden Kennziffern her, die wiederum via Marktforschung und Controlling an ihn gestellt werden.
Will heißen: Wenn eine Kampagne zum Beispiel diese oder jene GFK-Werte zu erreichen hat, um erfolgreich zu sein, weil eben diese oder jene Werte in der Vergangenheit eine Umsatzsteigerung von X oder einen Recall von Y erzielt haben, dann sind von vorneherein all jene Medien ausgeschlossen, die derzeit nicht verbindlich durch die GFK erfasst werden.
Oder wenn in multinationalen, standardisierten Kampagnen-Post-Tests bestimmte Image-Items als Schlüsselfaktoren für die Erfolgsmessung des Marketings definiert werden (und nachgelagert dessen Budgetierung), verbietet dies von Anfang an den Einsatz von Medien oder Ideen, die nicht die passenden Werte für die definierten Kennzahlen liefern - selbst wenn sie besser verkauften…