Schäferhundstündchen erregt Werber und Journalisten

Die berechnend provokante Kampagne von Jung von Matt/Neckar für das Kölner [Edit: und Berliner] Style Magazine “Deutsch” schlägt derzeit hohe Wellen unter Werbern, Journalisten und Werbekommentatoren.
Ich für meinen Teil verstehe die hochgejazzte Empörung in diesem Fall nicht so ganz, obwohl ich mich schließlich selbst gern mal über die ein oder andere Werbeentgleisung aufrege. Der Unterschied: In dem einem Fall geht es um die heuchlerische Ausbeutung von menschlichem Leid und fachliche Unbelecktheit, im anderen um die bewusste Provokation gesellschaftlicher und geschmacklicher Normen. Das eine finde ich so verabscheuungswürdig wie Schäferhundstündchen mit Dame öde und langweilig. Ist doch klar, dass Krethi und Plethi sich darüber aufregen sollen, schließlich will man als “internationales Style-Magazine” damit Abgrenzung zum Mainstream demonstrieren. Dass so ein Gestus (oder Habitus) für die echte Avantgarde höchstens genauso provokant ist wie die European MTV Awards, haben die Macher dabei leider übersehen. Beziehungsweise vielleicht auch gar nichts anderes gewollt. Denn die Zielgruppe von Deutsch sind schließlich all jene Lifestyler und Fashion-Victims, die sich zwar unheimlich weit vorn fühlen, dabei aber höchstens durch ihre ignorante Konsumeinstellung provozieren. Davon abgesehen möchte ich all den (vorwiegend männlichen) sexuell Entrüsteten drei einfache Punkte mit auf den Weg in die Diskussion geben, die man vielleicht berücksichtigten sollte, bevor das eigene Weltbild zum moralisch einzig verbindlichen verklärt wird:
Erstens: Die Kampagne ist laut Agentur-Credits im wesentlichen von Frauen konzipiert und realisiert worden. Da würde ich mich als Mann in puncto Sexismus-Vorwurf schonmal deutlich zurückhalten, bevor ich meine Vorstellungen von gesellschaftlich konformen Sexualitätsphantasien paternalistisch vortrage.
Zweitens: Wem (egal ob Männlein oder Weiblein) hat nicht schonmal ein doofer Köter zwischen den Beinen rumgeschnuppert? Die machen das nämlich immer so, sofern eine Hundeleine sie nicht daran hindert. Liegt einfach in deren Natur. Darum auch kann man der erotisierenden Darstellung dieser hundetypischen Verhaltensweise durchaus eine gewisse Ironie zubilligen – muss man aber natürlich nicht (für, alle die die Kampagne wider Erwarten noch nicht kennen: dies ist das zweite, nicht hier abgebildete Motiv).
Drittens: Haben all die Reklamisten vielleicht auch mal über den eigenen XXX-Tellerrand hinausgedacht? Denn die kritisierten Sujets zitieren oder interpretieren eigentlich nichts anderes als eines der ältesten Mythen- und Kunstthemen der Welt: die Verführung von Leda durch Zeus in Gestalt eines Schwans. Siehe: Bereits die Griechen geilten sich an dieser Vorstellung auf, und Leonardo Da Vinci höchstselbst malte Bilder davon. Und jetzt bitte keine Diskussion Kunst vs. Kommerz. Zu jener Zeit, als Homer schrieb und Da Vinci malte, waren diese Werke nichts anderes als Popkultur.
3 Kommentare dazu:
Kommentar hinzufügen:
Automatisch dranbleiben mit:
Kommentar-RSS-Feed für diesen Eintrag.
TrackBack URI für diesen Eintrag.
interessante Sichtweise, vielen Dank - das hat meinen Horizont etwas erweitert und das Entsetzen gemildert.
meint Jander am 02.11.2007 um 20:42 via Kommentar
deutsch ist ein mittelmaessiges BERLINER magazin.
ps. ich finde die implizierte vorstellung im uebrigen interessant….
meint katharina the greatest am 04.11.2007 um 00:05 via Kommentar
Die Redaktion ist in Berlin (jetzt erinnere ich mich auch, bereits an deren Redaktionsgebäude vorbeigelaufen zu sein – oder war’s das von der Qvest? Ist alles so austauschbar). Der Verlag hat seinen Sitz allerdings tatsächlich in Köln.
meint Verführer am 04.11.2007 um 10:58 via Kommentar