Arm, armseliger, Toscani

Oliviero Toscani, die schlimmste Plage seit Erfindung der Werbung, hat es schon wieder getan. Schockwerbung für eine Modemarke. Natürlich nur für den guten Zweck und keinesfalls um seine abgehalfterte Fresse oder irgendein skrupelloses Label mal wieder ins Gespräch zu bringen. Er hat sich nämlich laut eigener Aussage ganz doll mit Magersucht auseinandergesetzt:
I’ve been looking into the problem of anorexia for years. Who’s responsible? Communication in general? Television? Fashion? So it’s very interesting in the end that a fashion company has understood the importance of the problem [...]
Von einem Freund, der ehrenamtlich ein Online-Hilfe-/Selbsthilfeforum zum Thema Magersucht betreibt, weiß ich allerdings, dass die Darstellung von Magersüchtigen in der Aufklärung nicht nur unnötig, sondern im Gegenteil absolut kontraproduktiv ist. Die Krankheit führt nämlich manchmal sogar dazu, dass Betroffene Teil von sogenannten Pro-Ana Bewegungen werden, die Magersucht und Bulimie als ultimative Selbstkontrolle glorifizieren und in denen u.a. Abbildungen von Essgestörten wie Heiligenbildchen kursieren.
Nur Oliviero Toscani – und im übrigen auch die Verantwortlichen im italienischen Gesundheitsministerium, das die Kampagne unterstützt – haben davon offensichtlich nichts mitgekriegt. Oder wahrscheinlicher: mitkriegen wollen. Information ist ja auch echt langweilig, ganz im Gegensatz zu Provokation. Zum Beispiel, wenn ich mich frage: In Italien gibt es doch eigentlich genügend Leute, die sich um Leute kümmern, die anderen Leuten wiederholt unangenehm auffallen. Oder muss ich Toscani erst auf eine Pizza nach Duisburg einladen?
Wer seiner Meinung lieber qualifizierter als ich Ausdruck verleihen möchte, kann natürlich auch eine E-Mail an info@flashandpartners.it schreiben, Betreff: No Anorexia.
14 Kommentare dazu:
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die duisburg-”pointe” hättest du dir sparen können - vorher war’s noch witzig.
aber ist eben nicht jeder immer stilsicher, nicht?
meint uli am 25.09.2007 um 02:01 via Kommentar
Bei jemandem wie Toscani muss man nicht stilsicher, zurückhaltend oder geschmackvoll sein. „Die schlimmste Plage seit Erfindung der Werbung” trifft es schon sehr gut.
meint Mart am 25.09.2007 um 07:43 via Kommentar
@uli: Was heißt schon stilsicher? Auch der Stilbruch ist ein probates Mittel der Darstellung. Dennoch sorry, wenn ich feinfühligeren Menschen als mir ab und zu auf die Füße trete. Aber es gibt ein paar Themen, und die Ausbeutung von Leid, Elend, Seuchen und Süchten zu kommerziellen Zwecken gehören definitiv dazu, da verliere ich die Contenance und meine emotionale Nähe zum schwarzen Block bricht sich Bahn. Trotzdem tippe ich natürlich nicht in Trance, sondern gebe auf den groben Klotz bewusst den groben Keil (siehe auch den Kommentar von Mart). Ganz anders sähe die Sache aus, handelte es sich um Kunst oder Satire, z.B. der Fall Rushdie oder die Mohammed-Karikaturen.
meint Verführer am 25.09.2007 um 11:26 via Kommentar
Ein Dilemma. Eigentlich sollten wir eine solche Art der Werbung ignorieren. Tun wir aber nicht. Ich hiermit auch nicht. Leider.
meint Peter am 25.09.2007 um 11:55 via Kommentar
Vielleicht richtet sich die Werbung ja auch nicht an von der Krankheit Betroffene - im Gegensatz zu dem Forum. Auf mich, der alles andere als magersüchtig ist, wirkt das Foto nicht kontraproduktiv. Im Gegenteil. Man sieht magersüchtige Frauen ja eher selten nackt. Und gerade im Zusammenhang mit Mode löst die Abbildung eines nicht bekleideten magersüchtigen Modells doch einige kritische Gedanken über das eigene, möglicherweise auch kranke, Empfinden von Schönheit und Mode aus.
Ich finde die Werbung nicht toll oder unbedingt sehenswert. Aber “abgehalfterte Fresse” und “skrupelloses Label”? Wir sitzen doch alle nur im Glashaus und bewerben Produkte, die das Gegenteil von Welt verbessernd sind.
meint Frunobulax am 25.09.2007 um 12:16 via Kommentar
Da muss ich leider in mehrfacher Hinsicht widersprechen. Erstens: Warum müsste/sollte man glauben, Nicht-Magersüchtige mit so einer Anzeige abzuschrecken? Wer nicht magersüchtig ist, hat dadurch keinen Lerneffekt. Wer aber tatsächlich magersüchtig oder mindestens gefährdet ist, sieht in einem solchen Bild nach Aussagen von Betroffenen und Experten jedoch (nur) das Vorbild. Dieses Wissen vorausgesetzt kann das Ziel also nur noch sein, “Normalos” zu suggerieren, bei Nolita handele es sich um ein ethisch korrektes Label. Und allein darin liegt schon eine Instrumentalisierung und auch Skrupellosigkeit, egal ob das Label tatsächlich Magermodels ablehnt oder nicht. Ohne dieses Wissen ist die Anzeige hingegen dumm, ignorant, unprofessionell und damit genauso gefährlich.
Zweitens: Zwar sitzen wir (fast) alle in einem Glashaus, aber wir auch nicht alle als eigene Marke/Agentur/Selbstständiger unterwegs wie Herr Toscani. Ferner geht es zunächst auch gar nicht darum, nur für weltverbessernde Produkte Werbung zu machen, sondern es einfach erst einmal zu unterlassen, für nicht weltverbessernde Produkte heuchlerische Werbung zu machen.
meint Verführer am 25.09.2007 um 13:11 via Kommentar
Das Thema “zurück zur Natürlichkeit” bzw. “Wahre Schönheit” hat Dove mit “Evolution” eigentlich recht abschließend behandelt. Wenn irgendjemand meint, das toppen zu wollen, soll er es halt machen. Wenn ihm aber im Verlauf des Prozeses klar wird, dass er wieder nur mit Provokation weiterkommt, dann müsste er eigentlich einsehen, dass das wohl diesmal nix wird.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich ja wohl erwarten kann, dass man sich ein bisschen über die Krankheit informiert, mit der man werben, Quatsch, gegen die man protestieren will.
So macht sich Toscani jedenfalls genau so lächerlich, wie ein geistig Verwirrter, der aus Protest gegen das Feuer anderer Leute Häuser ansteckt.
Außerdem: Wenn ich eine Anzeige bastel auf die ich dick und fett schreibe: No dogs, was implizieren soll: Unser Unternehmen wirbt ohne Hunde, was sollte ich dann tunlichst nicht abbilden?
meint ramses101 am 25.09.2007 um 14:11 via Kommentar
von der Krankheit Betroffene ––– ich bin selber auch sehr betroffen. Ich fühle mich total Dove, obwohl ich nur 90 Kilo wiege, bei einer Größe von – naja lassen wir das. Sieht man fette Frauen öfter nackt als magersüchtige? Ich bin verwirrt.
Wo denn? Kann ich die auch mal sehen?
Hier – kannst du auch mal eine fette Alte reinstellen?
meint candycoloured am 25.09.2007 um 15:17 via Kommentar
@Verführer:
Erstens: Weil viele Nicht-Magersüchtige dürre Frauen geil finden und durch das Motiv möglicherweise den Lerneffekt haben, dass das eigene Schönheitsideal ein wenig krank ist oder zumindest an der Grenze dazu. Bei den magersüchtigen jungen Frauen, die ich kenne, geht es übrigens schon lange nicht mehr darum, möglichst dünn zu sein, weil es angeblich so schön ist - sie finden sich nicht schön. Es geht um Kontrollzwänge, Selbstzerstörung oder auch um Sucht. Mit der Lust am Dünnsein fing es da vielleicht mal an - und genau in diesem Stadium kann ein solches Motiv vielleicht doch eine sinnvolle Wirkung haben. Vielleicht. Aber das wissen ja die Fachleute besser. Apropos: Die aus Kontakt und Mafo bedienen sich desgleichen Arguments. Bilde die Zielgruppe ab, damit die Botschaft ankommt. So einfach ist es dann aber doch nicht. Und umgekehrt eben auch nicht.
Zweites: Hohe Ansprüche, ich wünsche, sie sind haltbar. Dass es dabei einen Unterschied machen soll, ab man etwas Unrühmliches als Selbständiger oder auf Weisung hin tut, spielt am Ende für mich keine Rolle. Und ferner: Ist Werbung für angeblich umweltfreundliche Autos, bei denen bestenfalls ein Motorschräubchen grün lackiert ist, nicht heuchlerisch? Oder für Versicherungen, die Ängste instrumentalisiert und dafür Sicherheit verspricht?
Aber es scheint ein Massenphanömen zu sein: Die Deutschen wollen die Welt mit der moralischen Keule retten. Frau Merkel tanzt international vor und daheim taumeln sie alle mit. Erreicht wird zwar nichts, aber wenigstens steht man für einen Augenblick als Gutmensch im Scheinwerferlicht.
@candycoloured:
Besser nicht nur auf Postings hoffen. Es gibt ein Leben außerhalb des Internets. Da sind die Frauen dann auch richtig nackt und, in meinem zumindest, eher fett als magersüchtig.
meint Frunobulax am 25.09.2007 um 20:04 via Kommentar
nur noch ganz kurz nachgehakt, lieber verführer und mart - ich will mich hier nicht als großer empfindsamer hüter irgendeiner correctness platzieren - ganz im gegenteil.
mich stört es nur, wenn man fehlenden stil und geschmack auf (zum Beispiel) Toscanis Seite ankreidet, und selber auf genau dem selben niveau agiert. wie geschrieben, vor duisburg war’s geistreich und witzig …
PS: ne ernste nebenfrage, weil hier ja scheinbar einige sind, die sich mit der krankheit auskennen: wie viele prozent der bevölkerung sind eigentlich magersüchtig - und als vergleichswert dazu, wie viele sind zu fett, sprich deutlich übergewichtig?
meint uli am 26.09.2007 um 12:17 via Kommentar
das heißt nicht wie viele Prozent, das heißt wie viel Prozent = Singular.
Ich bin viel zu fett und das ist gut so.
In Indien ist immer der Fette Chef
zum Beispiel.
viele Grüße.
meint candycoloured am 26.09.2007 um 12:40 via Kommentar
Ob mir wohl jemand verrät, was an Duisburg so shocking ist?
meint Paul Cermon am 27.09.2007 um 11:27 via Kommentar
also wieviele werber gibt es mit einem sozialen wissen wie toscani? der aufrüttelt, um gesellsch. missstände aufmerksam zu machen? 99% der normalen werber machen doch nur schöne, intelligente und auch kreative werbung. und wenn sozial dann nur weils en vogue ist. aber das wars dann auch. toscani rules. ich lese sein buch gleich nochmal und werbewunderland kill ich aus meinen rss.
tss
meint CAPSLCOCK am 27.09.2007 um 20:53 via Kommentar
ach, toscani “rüttelt auf, um auf gesellschaftliche missstände aufmerksam zu machen”? und den osterhasen gibt es auch? gut zu wissen.
wie vom verführer schon oben beschrieben (lies das vielleicht doch noch mal aufmerksam): die nolita-kampagne ist bestenfalls kontraproduktiv zu nennen, wenn es um ihr vorgebliches thema geht, magersucht und ihre opfer. aber vermutlich sehr produktiv, wenn es um die nun ach-wie-verantwortungsvoll auftretende marke dahinter geht - bzw. um den fotografen. der bei DIR ja schon mal sein ziel erreicht zu haben scheint.
meint D. am 28.09.2007 um 13:22 via Kommentar