Meine Provokationen provozieren Deiner Provokation das Provokante weg

Nicht nur Kunst, auch Werbung schmerzt

Man nehme zu gleichen Teilen:
ein Social Network Portal für intellektuelle Under-Graduates
eine inhabergeführte Werbeagentur in Berlin
deren Viral-Kampagne [Edit: Link gelöscht, da funktionsunfähig]
einen eifrigen Redakteur in Ereiferung
das Weblog einer Werbefachzeitschrift
und noch ein weiteres Werbeweblog
dazu einschlägige Videoportale, einen Verlag, jede Menge Empörung und neuerdings auch noch mehrere Anwälte sowie blanke Nerven
schüttele und rühre alles zusammen einmal gut durch und man erhält das diesjährige Sommerlochthema der Werbung schlechthin.

Ich gebe neidvoll zu: Gerne hätte ich nicht nur die Spots auf meiner Seite gehabt, sondern auch den darauf folgenden Diskussionsrummel ;-) Doch da ich die letzten Wochen unterwegs im Auftrag der Werbung war, ist das natürlich alles an mir vorübergegangen.
Nachdem nun aber auch ich zumindest zwei der drei Videos in Augenschein nehmen konnte, lautet meine Meinung: die Kritik daran ist maßlos überzogen. Ich zum Beispiel halte die berüchtigte Benetton-Kampagne Mitte/Ende der 90er für moralisch viel verwerflicher; und auch ein vielfach prämiertes BILD-Anzeigenmotiv mit einer Geiselfotografie à la Schleyer ist mir dauerhaft verabscheuungswürdig in Erinnerung geblieben. Vor allem aber: Gemessen an der postpubertären Provokanz dieser auf Amateur-Trainspotting gemachten StudiVZ-Webvideos (Regie: Lionel Goldstein) sieht man allein während eines ganz normalen Arte-Themenabends oder in der Austellung Schmerz im Hamburger Bahnhof, Berlin, zigfach verstörendere Dinge (siehe das Introbild zu diesem Eintrag) – vom Schweineverfütterungsvorbild “Hannibal”, der jüngsten Welle an Kinoblutergüssen wie SAW 1-2-3 oder HOSTEL 1-2 und all den dunklen Ecken des Netzes ganz zu schweigen.
Dass die StudiVZ-Filme dabei ein kommerzielles (Mach-)Werk sind, macht sie nicht schlimmer, sondern im Gegenteil: harmloser. Schließlich liegt für den Zuschauer auf der Hand, dass StudiVZ als Absender und als Teil des Holtzbrinck-Verlags letztlich stets wirtschaftliche Ziele verfolgt. So lässt sich der Inhalt der Spots jederzeit zweifelsfrei einordnen. Viel schwieriger und vor allem problematischer ist dies hingegen bei politischen und kulturell/künstlerischen Absendern, die kein vordergründig kommerzielles Interesse verfolgen.
Im übrigen finde ich kommerzielle mediale Provokationen jenseits der gängigen Ethik-, Moral- und Geschmacksgrenze schon lange gähnend langweilig, denn Provokation ist im Kommunikationshandwerk neben Sex die gedankenärmste Technik, um Menschen emotional zu involvieren, wie das im schwurbeligen Marketingdeutsch so schön heißt. Unter kreativen Gesichtspunkten ist die Art und Weise der Inszenierung der typischen StudiVZ-Gruppennamen daher schlicht schlecht und wird den ihnen innewohnendem Sponti-Witz in keinster Weise gerecht. Aber natürlich hat jeder so seine eigenen, empfindlichen Stellen; ich durchaus auch, wie man ja immer mal wieder lesen kann.

Ach ja, und was das aktuelle das Aimaq Rapp Stolle Bashing wegen deren Anwaltsaktion anbelangt: Leute, die können doch gar nichts dafür (und wollen es bestimmt auch gar nicht), die müssen das tun. Ich selbst habe es bereits mehrfach hautnah erlebt, dass Kunden die Agentur gezwungen haben, Viral- und andere Spots zurückzuziehen – und zwar teilweise unter Androhung derart exorbitanter Schadenssummen, dass man nicht nur den Etat sondern auch gleich zig Arbeitsplätze vergessen kann. Und nein, nicht immer war in solchen Fällen die Agentur böse oder dämlich.



6 Kommentare dazu:


  1. Natürlich mal wieder wahre Worte - bis auf den ARS-Teil. Ich bin nämlich der Meinung, dass die sehr wohl etwas dafür können: Nach erfolgter Konzeption solcher Spots muss irgendwer in dem Laden doch auch mal an die Folgen denken. Das Kunden wie der Holtzbrinck-Verlag dann derart reagieren könn(t)en, liegt ja wohl auf der Hand.
    Ich bin ganz überzeugt der Meinung, dass Kreative, die sich sowas ausdenken, auch mit den Folgen leben müssen und deshalb ganz zurecht in die Disskusion derart stark mit einbezogen werden.

    Als der Hype des Viralen losging, war ich voller Vorfreude, auf all die schönen, tollen, kleinen, neuen Ideen die nun endlich ihre Plattform hatten. Und darüber freue ich mich auch heute noch. Wenn jemand allerdings die virale Plattform dazu nutzt, Kreationen zu verbreiten die von jedem Verlag und jedem Sender zurecht abgelehnt worden wären und die einzig und allein durch das Durchbrechen von Geschmacks- und oder moralischen Grenzen nach Aufmerksamkeit gieren, finde ich das mehr als traurig.

    In Trauer,
    C.

    meint C. am 09.08.2007 um 17:47 via Kommentar


  2. Hhm, leider ist die ARS-Anmerkung wohl nicht so verständlich rübergekommen, wie ich wollte, aber ebensowenig wollte ich noch einen separaten Artikel dranhängen; also nun im Kommentar nochmals genauer:

    Logischerweise müssen Kreative/Agenturen mit den Geistern leben, die sie rufen – und vor allem mit Virals machen da so einige bei ihren tapsigen Schritten in den user empowered space überraschende bis unliebsame Erfahrungen (auch ich gehöre ja mit diversen Aktionen hier im Weblog zu der Spezies “aus Schaden wird man klug”).

    A b e r . . . irgendwelche Klageandrohungen gegenüber Websitebetreibern durch ARS sind meiner Meinung nach nicht auf dem Mist von ARS gewachsen. Dazu werden sie mit Sicherheit von den Holtzbrink-Anwälten getrieben, die der Agentur sonst ganz böse wehtun, wenn nicht im Sinne Holtzbrincks alle Spuren dieses als missglückt bewerteten Marketingversuchs beseitigt werden. Zu solch überzogenen Rückzugsaktionen der Verursacher hat dann wiederum natürlich auch die Netzöffentlichkeit selbst durch ihre übermäßige Reaktion beigetragen.

    U n d . . . es wäre naiv zu glauben, dass dies eine Nacht- und Nebelaktionen einer Agentur, und dass niemand, aber auch niemand auf Kundenseite von StudiVZ und/oder Holtzbrinck die Filme jemals zu Gesicht bekommen hätte. Im Gegenteil und erst recht, wenn Kampagnenmaterial an die Fachpresse verschickt wird.
    Nur gehen Marketing- und (Junior-)Projektmanager, die anfangs noch ganz berauscht waren von der coolen Idee ihrer Agentur und ihrem eigenen Mut, gerne ganz, ganz schnell in Deckung, wenn der Marketingvorstand der Firma plötzlich mit den Auswirkungen des Projekts konfrontiert wird. Dann wissen die Beteiligten plötzlich nicht mehr, dass sie die Skripte gelesen und vor ein paar Wochen den Offline-Schnitt freigegeben haben und auch nicht, was das eigentlich für drei komische MPEG-Dateien sind, die als “gelesen” markiert in ihrem E-Mail-Posteingang liegen. Wie gesagt, so oder so ähnlich selbst erlebt.

    meint Verführer am 09.08.2007 um 18:40 via Kommentar


  3. A b e r No. 2:
    Als ich noch klein war, hatte ich auch solche Ideen. Da stand ein kkluger CD und hat mir gesagt: “Hey. Nicht schlecht. Aber leider können wir das nicht machen. Wenn der Kunde uns den Kopf nicht abreisst, dann machts die Öffentlichkeit”.

    Dieser Satz hätte vielleicht auch bei ARS ausgesprochen werden müssen – dann wären sie nie in diese missliche Lage gekommen…

    meint C. am 10.08.2007 um 10:02 via Kommentar


  4. Ich hab bei der ganzen Sache einfach nicht begriffen, warum es ausgerechnet die Brachialgewalt als Lösung sein musste. Da haben die Werber die Gruppen bei StudiVZ eindeutig ernster genommen als es die Gruppenteilnehmer selbst tun. Über moralische Messlatten kann man sich natürlich trefflich streiten, aber das, was ich eigentlich mal gerne wüsste, ist, wie man als Agentur auf die Idee kommen kann, die Teilnehmer einer “Spaßgruppe” (ergo: Bestandskunden) als marodierende Asis darzustellen.

    (Andererseits, siehe Kommentar von C.: Wie man auf die Idee kommen kann, weiß ich schon. Aber wie man bei der Idee stehen bleiben und sagen kann: Stifte fallen lassen, we got it!, erschließt sich mir nicht ganz.)

    meint ramses101 am 10.08.2007 um 10:33 via Kommentar


  5. Genau dies ist für mich das einzig kritigwürdige: die Kreativen haben den Humor und das Selbstverständnis der Zielgruppe nicht verstanden und in der Kampgane völlig verdreht. Vielleicht sollten die Interactive-Leute einfach nicht so oft mit den Dumpfbacken von Aggro Berlin abhängen, deren Webauftritt sie nämlich ebenfalls gestalten. Allein daraus erklärt sich doch schon so einiges.

    meint Verführer am 10.08.2007 um 10:49 via Kommentar


  6. Hm. Nach langem suchen hab ich zwei der Filme noch gefunden. Und sie sind weder geschmacklos noch radikal oder ekelhaft sondern einfach nur schlecht. Kürzen hätte da ganz gut getan, aber das Internet bietet ja jedem Möchtegern-Spielberg die Möglichkeit endlich mal über 60 Sekunden zu denken und noch eine Idee reinzupacken. Und noch eine und lass uns das noch machen und das wär auch noch komisch, wir haben ja Zeit. Das sieht man den Filmen leider an. Die Grundidee was mit diesen Gruppen zu machen ist ja nicht schlecht, aber der Rest? Und weil consumer generated content ja so hipp ist, lass uns die Leute anregen auf http://www.studimovies.com noch selbst was reinzustellen, au ja! Das ist ja so 2.0, ne. Im Endeffekt muss ich aber vollkommen zustimmen, dass diese Filme eigentlich komplett untergegangen wären. Keine Sau hätte sie bemerkt.

    Nur die armen Menschen vom Horizont-Blog die jetzt endlich mal die Möglichkeit sehen, ihre Stats ordentlich nach oben zu semmeln und ihrem sonst leider nur mediuminteressanten Geschwafel ein paar neue Leser zu verschaffen. Hat ja beim Hitlerfunkspot von Flemming Pfuhl auch ganz gut geklappt. Denn da war ja die Gier nach Protest auch größer, als der Humor (den der Besitzer des auftraggebenden Buchladens übrigens hat, er ist Jude und fand die Hitler-Satire offensichtlich humorig).

    Und nein, ich arbeite weder für Flemming Pfuhl noch für Aimaq.Rapp.Stolle. Denen eigentlich nur die Qualität ihrer Filme peinlich sein sollte, wo sie doch ganz anders können.

    meint Seb am 10.08.2007 um 15:58 via Kommentar



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