Gute Laune, kalorienreduziert
Nicht nur, dass der Staat uns mit aller Macht unsere schlechte Laune verderben will, nein, zum Jahreswechsel haben sich die Apologeten der Zuversicht besonders prominente Unterstützung und einen ausgewiesenen Experten in Sachen Stimmungsaufhellung an Bord geholt: Coca Cola herself.

Dass die massive Kampagne (Print, TV, Web) dabei kreativ, textlich und inhaltlich genauso daherkommt, wie die beworbene Brausevariante, nämlich light, ist wohl nur konsequent. In der Pressemitteilung des Paten aller kolumbianischen Kokapflanzer liest sich das dann so:
“Mit dem Motto Live life light wollen wir sagen: schlechte Laune und Pessimismus helfen nicht weiter. Coca-Cola light möchte dazu anregen, die leichte Seite des Lebens zu entdecken”, so Alexander Pesjak, Coca-Cola Portfolio Director, über die zentrale Kommunikationsidee.
Vielleicht gibt es aber – zumindest für die sprachliche Unbeholfenheit à la “Miesepetrigkeit” – auch noch einen ganz anderen Grund: Urheber der Idee ist schließlich strawberryfrog, Amsterdam. Und auch wenn die Holländer aller Nationen bekannt für ihren interdisziplinären Ansatz sind und landläufig zur Avantgarde der internationalen Kreativboutiquen gerechnet werden, hilft es vielleicht manchmal doch, Kampagnen von Leuten entwickeln zu lassen, die ihr Sprachvermögen nicht aus der ersten Langenscheidt-Nachkriegsausgabe beziehen. Oder die ein etwas tieferes Verständnis von Optimismus besitzen als ein durch geselliges Beisammensein im Coffeeshop induziertes Dauergrinsen inklusive Visionen von hüpfenden Mädchen, Regenbogen und singing in the rain.
Nicht ganz so peinlich, sondern recht hübsch anzusehen ist einzig der Webauftritt. Der allerdings ist auch kein fader Gewächshaus-Import, sondern stammt von Internet’s Best Scholz & Volkmer. Obwohl, eine große Einschränkung gibt’s trotz netter Idee und Umsetzung (Subservient Chicken Light) auch hier: die zwei sooo süßen, lieben, netten konsenssandgestrahlten Weltrekorddauerlächler hätten sich die Jungs und Mädels aus Wiesbaden einfach sparen sollen. Aber klar, ging nicht anders, sind die zwei Casting-Heroes doch genau jene prototypischen Vivagiga-Fressen zwischen Abi und Vordiplom, die ihre relaxte Attitüde gern mal herzeigen und vor allem aber ganz bestimmt das Möchtegernselbstbild der Zielgruppe widerspiegeln.
Habe ich einen schlechten Tag heute? Aber nein, ich habe einen sehr, sehr guten. Ich mache doch Diät. Are you talking with me?
Ich für meinen Teil fand’s ziemlich witzig…wobei mir das “Optimisten”-Plakat am besten gefallen hat. Naja, Geschmäcker halt…
meint WeltChefTrainer am 17.01.2006 um 17:51 via Kommentar
Ich find’s auch nicht so schlimm. Kein großer Wurf, ok. Aber manchmal will man ja auch einfach nur seinen Scheiß verkaufen ;-). Hat mich erst ein bisschen an die “Du bist Deutschland”-Botschaft erinnert.
Und vielleicht sollten die Macher sich das mit der Miesepetrigkeit mal zu Herzen nehmen, anstatt wild im Netz abzumahnen:
http://www.wieder-deutschland.de/
meint ramses101 am 17.01.2006 um 20:33 via Kommentar
Ich finde es total scheiße!
meint Miesepeter am 19.01.2006 um 11:53 via Kommentar
als anregung für einen weiteren text:
http://www.jensscholz.com/2006_01_01_archive.htm#113762765814900254
meint nicht zu veröffentlichen am 19.01.2006 um 12:12 via Kommentar
Au weia, liebes Werbewunderland… Euer zu erwartender Kommentar hat die Macher der Kampagne wohl im Vorfeld inspiriert, genau gegen das vorzugehen, was ihr hier verbreitet: Miesepetrigkeit.
Ich stimme zu, kreativ kein grosser Wurf, aber scheiss der Hund drauf. Strategisch sauber in Produkt und Marke geerdet serviert uns der Brauseriese hier doch Botschaften, die gerade im Winter daran erinnern, dass die Kacke nicht überall am dampfen sein muss.
Das zentrale Wort ist zwar ein Unwort, aber genau das proklamiert ja schliesslich die Headline. Und im Vergleich zu anderen vermeindlich volks-motivierenden Gemeinnutzkampagnen ohne Absender und Sinn und Verstand, sagt hier jemand ganz freundlich: Kauf mich.
Ist nicht böse gemeint, aber mal im Sinne des Erfinders: Live life a little lighter ;-)
meint Maaak am 19.01.2006 um 23:22 via Kommentar
Ich glaube der Autor hat mit der ersten Zeile des Artikels schon alles über sich selbst gesagt: “uns mit aller Macht unsere schlechte Laune verderben will”.
Muss Werbung immer cool, minimalistisch und düster sein, damit sie gut ist? Ist es schlecht, wenn man etwas bessere Laune verbreiten will?
Übrigens sind alle, die an der Kampagne gearbeitet haben Deutsche, aber halt solche, die vor Jahren ins Ausland geflohen sind, weil ihnen das ewige Gejammere auf den Geist gegangen ist. So wie ich eben - und im Coffeeshop war ich schon lange nicht mehr. Aber vielleicht sollte der Autor mal in einen gehen. Und dabei unsere Agentur besuchen.
Gruss aus Amsterdam
Stefan
meint Stefan am 20.01.2006 um 09:40 via Kommentar
Moment mal, das Wort “Miespetrigkeit” findet man doch nicht nur in der Nachkriegsausgabe des Langenscheidt, sondern auch in Jean-Remy von Matts juengsten Pamphleten zum Misserfolg/Erfolg der “Du bist Deutschland”-Kampagne…jetzt stellt sich die Frage: benutzen Jung von Matt und strawberryfrog veraltete Woerterbuecher oder hat das Werbewunderland einfach mal das Konversationslexikon von uebermorgen unter dem Kopfkissen?
meint Kodachrome am 20.01.2006 um 10:12 via Kommentar
doof,
da hat der WeltChefTrainer wohl wieder gegen sämtliche Vorschriften verschossen.
das wird ziemlich unangenehm.
ob man sich da wohl irgendwie…
wieder raus reden kann ?
meint blöd am 21.01.2006 um 17:44 via Kommentar
Ach, so ist das: alle, die an der Kampagne gearbeitet haben sind Deutsche, die aber wegen des ewigen Gejammers aus Deutschland abgehauen sind…
Das erklärt ja, wie so ein verschnarchtes Wort wie Miesepetrigkeit da reinkommt. Wie lange seid ihr denn schon aus Deutschland weg?
Nein, das Problem ist einfach: da ist ‘ne öde Kampagne am Start und ihr wisst es.
Sie erinnert mich vor allem sehr an die
“Mars”-Kampagne von vor zwei Jahren. Nein, die für den Schokoriegel.
Da stand auf dem Plakat einfach nur der Text: “Ampelflirt gehabt. Mars. Das hat was.”
oder “Parkplatz gefunden. Mars. Das hat was.”
Ist das NLP? Man sagt sich solange selber positive Dinge vor, bis sie dann tatsächlich so eintreffen?
Leute, wenn man mich zum Lachen bringen will, muss man mir einen Witz erzählen und nicht Leute zeigen, die lachen.
Und welche Werbung, bitteschön, ist cool, minimalistisch und düster??? Hätte ich gerne mal gesehen.
meint Heinz am 25.01.2006 um 11:15 via Kommentar