The Good, and the Bad and Ugly

Die Jury in Cannes hat die Press & Poster-Löwen verteilt. Douze points gehen an DDB London und diese Anzeige für den VW Polo. Völlig zurecht, wie ich finde.
Dann wiederum hat sich mein eigener Kommentar zum vorherigen Eintrag auf — leider — ausgezeichnete Weise bestätigt: Nämlich, dass sich Jung von Matt für wirklich nichts zu schade ist. Wie man in Zeiten, in denen massiv fehlgesteuerte “Windelschädel” (Three Kings) vor laufender Kamera Menschen die Kehle durchschneiden und via Internet die halbe Menschheit an ihrem menschenverachtenden Menschenbild teilhaben lassen, sich untenstehendes Motiv für die BILD-Zeitung ausdenken kann, entzieht sich meinem der Aufklärung verpflichteten Verständnis. Genauso, warum eine Werbe-Jury, die zugleich Kampagnen für Toleranz und wider Gewalt feiert, ruhigen Gewissens solch eine Anzeige ausgerechnet mit einem silbernen Löwen honoriert. Mein Vorschlag: gleich noch ein extra Cannes-Löwe obendrauf für herausragende Werbe-Entgleisung. Gesponsert von WerbeWeischer mit einem One-Way-Ticket nach Bagdad, so dass die smartarschigen Macher von der Alster reichlich Gelegenheit haben, in Kürze und allen ihren Einzelteilen höchstselbst in BILD abgebildet zu werden, und zwar nicht im Anzeigenteil.

In der Tat war BILD bzw. JvM schneller: Hier die widerwärtige, menschenverachtende Realität zu der pervertierten, unsagbar armseeligen BILD-Kampagne: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,306290,00.html
Tragisch, dass die Deutschen nie den Unterschied zwischen Tragödien und Schwarzem Humor begreifen; bezeichnend, dass im Jahre 10 nach Toscani nun auch Jung von Matt den untauglichen Benetton-Effekt entdeckt.
meint Seismo am 29.06.2004 um 14:32 via Kommentar
nicht neu bei jvm. der schulhofproletenhumor hat methode. steht in den zehn geboten, die auf dem klo hängen nicht auch, dass ethik und moral in diesem hause verboten sind?
meint autofab am 29.06.2004 um 20:22 via Kommentar
allerdings ist die anzeige angemessen, wenn man den kunden bedenkt. brief sagt aktuell und schnell, reisserisch vielleicht auch, populistisch mit sicherheit. eure echauffiertheit ist damit allenfalls ausdruck, dass jenes ding funktioniert hat. bild polarisiert e( r )ben.
wenn ich mich wirklich aufregen wollte, waere es ueber den zweitausendsten hund,ball,tritt in die nuesse, dieses mal mit dank an budweiser. schenkelklopfhumor und wortspiele immer wieder, weil is ja einfach und so.
meint c am 01.07.2004 um 02:08 via Kommentar
@c: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit steht hinter dieser Anzeige überhaupt kein Brief außer dem vom cd, verdammt nochmal Preise zu gewinnen. Das sieht man schon am Bild selbst, bei dem es mich nicht wundern würde, sähen wir hier den Texter (oder Kontakter) höchstselbst oder einen guten Kumpel. Es gibt auch keine Bild-Kampagne “The world’s fastest newspaper” mit weiteren Motiven, in die dieses Sujet reinpassen würde. Das Teil ist ein ganz klarer Award Scam.
Doch selbst wenn diese Anzeige “on brief” gewesen sein sollte, bleibt die Tatsache, dass hier menschenverachtende Werbung produziert wurde. Polarisieren ist schon okay: Aber irgendwann ist die Grenze überschritten, vor allem, wenn die Anzeige nicht im Kontext von social advertising oder public awareness steht. Das hat aufgrund der bitteren Bezüge zur Realität auch nichts mehr mit schwarzem Humor zu tun. So eine Anzeige ginge allenfalls in Titanic noch als ätzende Satire durch (wie weiland das Titelbild von Engholm in der Barschel-Wanne).
Der mir eigentlich unverständliche Aspekt ist jedoch, dass das auch noch honoriert wird. Macht einen schon etwas nachdenklich.
meint Verführer am 01.07.2004 um 10:24 via Kommentar
@v: als award scam wuerde ich das nicht bezeichnen, immerhin ist bild ein realer kunde mit realem budget. (vgl hans brinker hotel, adult fast food) auch das fehlen einer kampagne hat nicht viel zu sagen, one-offs kommen vor, auch wenn kreative sich dafuer schaemen sollten. (mein standpunkt hier ist, wenn die idee solide ist, kommen die ausfuehrungen auch, alles andere sind ausreden)
richtig ist hingegen, dass die anzeige menschenverachtend (und meinetwegen auch geschmacklos) ist. aber grenzen als solche darf es in einer freien gesellschaft nicht geben, besonders dann nicht, wenn es um ideen, also intellektuelles gut, geht, denn das waere zensur. grenzargumente koennte ich immerhin auch auf boybands (oder jessica simpson) anwenden.
zu cannes, oneshow und all den anderen, mit denen wir alle schon hadern mussten (ich habe da meine persoenlichen erfahrungen): alte herren latschen durch einen raum und schauen jede anzeige 10 sekunden lang an. da gilt nur “I get it” oder eben auch nicht, nicht moralische einwaende. das sind schnelle entscheidungen, bauchgefuehle. deswegen sieht man in diesen tagen so viele full bleed visuelle exekutionen, kaum noch lange copy, in den annuals. (und wenn, dann reisst die copy einen gleich zu beginn vom hocker.) gleiches problem mit asiatischer werbung, siehe thaidumrong’s interview in archive 02/04.
und viel schlimmer: diskussionen zwischen jurymitgliedern sind bei vielen awardshows verboten. stille bis zur letzten runde, erst dann kann man reden. und dann ist es zu spaet.
meint c am 01.07.2004 um 11:13 via Kommentar
Vielleicht ist meine Definition von Scam weiter gefasst: Für mich sind alle Arbeiten Scams, die nicht aus einem realen Kundenauftrag heraus (Problemlösung) entstehen, sondern einzig und allein zu dem Zweck, bei Award Shows zu scoren. _Und_ die nicht oder nur teilweise vom Kunden bezahlt werden (wobei ich damit nicht sage, dass ich Scams ablehne bzw. nicht auch selber machen würde. Im Gegenteil).
Mit dem free speech Argument kommt die amerikanische Perspektive ins Spiel. Dazu sei gesagt: Es geht hier ja nicht um Zensur. Sondern um die moralische und ethische Einordnung bzw. Verantwortung von Werbern und Werbungtreibenden gegenüber der Gesellschaft. Natürlich sind die Gedanken frei, aber eben nur die Gedanken. Bei der Umsetzung von Gedanken in die Realität kommen weitere Aspekte hinzu. Und dann muss man noch unterscheiden, in welchem Kontext die Gedanken geäußert werden: innerhalb eines kulturellen, gesellschaftlichen oder politischen Diskurses, oder schlicht und einfach, um Geld zu scheffeln? So weit ich weiß, gibt es _da_ auch in den USA die ein oder andere Grenze.
Ich halte die reine Idee der Anzeige für bestechend und ziehe den Hut. Doch die Instrumentalisierung einer Entführung, um a) Werbepreise zu gewinnen und/oder b) mehr Zeitungen zu verkaufen, finde ich — auch wenn das vielleicht altmodisch und moralinsauer klingt — schlicht verwerflich.
Und im übrigen finde ich das eine sehr spannende Diskussion, gerade.
meint Verführer am 01.07.2004 um 11:50 via Kommentar
So, jetzt schlägt hier zu diesem Thema auch noch der kleine Historiker zu: Das Bild bezieht sich nicht auf Entführungen im Irak, sondern ist recht offensichtlich eine Anspielung auf das Bild, das vom entführten J.P.Reemtsma gemacht wurde, zu erkennen z.B. an der MP links im Foto und eben der Tatsache, dass er damals wirklich eine “Bild” hochhalten mußte, wenn auch mit Doris Schröder-Köpf auf dem Cover. Aber, und nun wird es interessant: Alle Zeitungen überblendeten damals mit Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte und aus Gründen des guten Geschmacks das Gesicht des verletzten Reemtsma, nur die “Bild” zeigte ihn ohne diese Unkenntlichmachung.
Und nun zurück zur Werbung.
meint Claus Thaler am 01.07.2004 um 16:54 via Kommentar
>So weit ich weiß, gibt es _da_ auch in den USA die ein oder andere Grenze.
du irrst. eine solche diskussion wuerde in den staaten als ‘unerhoehrt’ abgetan. man wuerde sich ueber die versuchte verletzung des ersten ammendmends echauffieren. freie meinungsaeusserung. was b) angeht, so ist das der sinn der werbung. wenn das ein vorwurf ist, dann musst du den der gesamten werbeindustrie machen. werbung soll doch provozieren, moralische fragwuerdigkeiten sind mir da nur recht. schau dir eine der beliebigen coke-anzeigen an, heile wunderwelt, meinetwegen auch disney mit der kunterbunt korrekt durch alle minderheiten gemischten kindergruppe. so perfekt, so wunderschoen, so langweilig, ich moechte mir in die waden schiessen, um die sache wenigstens etwas interessanter zu machen.
wenn ich die anzeige angreifen wollte, dann wuerde ich den acid test ins feld fuehren - is it true? ist es naemlich nicht. man kann eine zeitung nicht hochhalten und das eigene bild gleich fernseher tausendfach wiederholt sehen. zeitungen sind schnell, allerdings nicht simultan. es wird also etwas versprochen, was nicht gehalten werden kann. und das ist der knackpunkt, handwerkliche ungeschicktheit. deswegen passt mir der award nicht. wir nennen solche situationen contrived.
meint c am 01.07.2004 um 22:06 via Kommentar
Ich glaube nicht, dass das Motiv auf irgendeine spezielle Entführung anspielt. Da hätte genauso gut der RAF-Stern im Hintergrund sein können. Das, was es so widerlich macht, sind die derzeitigen ständigen Geiselnahmen im Irak. Wenn das politische Klima anders wäre, hätte ich das Teil vielleicht sogar witzig gefunden. Aber jetzt gerade halt nicht. (Womit ich im Kern zugegeben habe, dass die Idee schon ziemlich klasse ist.)
meint Anke am 01.07.2004 um 22:10 via Kommentar
Anke, dem ist, was die BILD-Anzeige angeht, nichts hinzuzufügen.
meint Verführer am 01.07.2004 um 23:34 via Kommentar
@c: nochmal, es geht hier nicht darum, eine bestimmte werbung zu erlauben oder zu verbieten, sondern allein um die dahinter stehende ethik. deswegen ist das kein first ammendment-thema. und ich bin ziemlich sicher, dass in den zeiten von george w. und john ashcroft so eine diskussion auch in den usa geführt würde, tauchte dort beispielsweise eine anzeige, sagen wir, für usa today, mit eben diesem motiv auf.
was die angeblich nicht vorhandenen grenzen angeht, sage ich nur: nipplegate. und überhaupt die abwesenheit von zuviel nacktem fleisch. denn da gibt es sehr wohl grenzen. und auch die amerikaner haben ihre gesetze, wen man wie mit alkohol und / oder zigaretten in der hand darstellen darf und was produkte healthwise behaupten dürfen und was nicht.
im uebrigen mag auch ich keine langweiligen anzeigen. ich finde es jedoch intellektuell genauso wenig stimulierend, wenn man zu den billigsten schock-effekten greift, um aufmerksamkeit zu erzeugen. das ist ungefähr so, als würde ich auf einer langweiligen party eine schlägerei anfangen, nur damit ein wenig action ist. das kann man so machen, aber ob es einen weiter und nicht einfach nur ärger bringt, lasse ich mal dahin gestellt.
und dein acid test sieht mir mehr nach dem typischen totschlagargument eines kunden aus. ich denke mal, “exaggeration” (vs. contrived) ist übliches und gern gebrauchtes stilmittel, so auch nachzulesen beim guten, alten luke sullivan. der im übrigen meint: wenn du exaggaration einsetzt, hast du nicht lange genug über eine wirklich herausragende idee nachgedacht.
meint Verführer am 01.07.2004 um 23:39 via Kommentar
der abstand zwischen ashcrofty/bush/rice und der generellen bevoelkerung ist -zumindest in kalifornien- ebenso gross, wie der zu hamburger bevoelkerung. die menschen hier sind nicht anders. allerdings ist das hier, da hast du recht, das land, in dem eine brustwarze fuer nationalen aufruhr sorgen kann, mit sex waere das also was anderes. da gibt es allerdings ein gesetz und madame jackson hat mtv ne strafe von 500.000 dollar verursacht. (rate mal, wer die bezahlen musste…) bei dem bild motiv hingegen wird keine gesetzliche grenze angetastet, sondern nur empfindungsvermoegen einzelner. man kann aber nicht etwas offen lassen und dann, wenn es jemand ausnutzt, ihn im nachhinein verdammen. allenfalls ein tor fuer zukuenftige faelle schliessen. soll heissen: solange es kein gesetz gibt, dass menschenverachtende statements verbietet, gibt es keinen argumentationsspielraum. sollte das jemals kommen, sind bravo und konsorten allerdings gleich mit vom markt.
luke, uebrigens ein freund von mir, von dem ich auch den ins knie schiessen satz uebernommen habe, mag die bild anzeige uebrigens auch nicht, doch das nur am rand. bild verspricht mehr, als sie tatsaechlich liefern koennen. das ist unnoetig. einen benefit zu nehmen und weiterzutreiben, sehe ich ungleich luke als legitim an, einen zu erfinden, den man nicht wirklich hat, als schwach. das sagt am ende, dass jenes produkt so schwach ist, dass sie keine tatsaechlichen vorzuege haben, die sie anpreisen koennten. wenn ich einen existenten benefit nehme und ihn auf die spitze treibe, heisst das hingegen, dass das ausgangsprodukt ziemlich cool gewesen sein muss.
und billiger schockeffekt / pruegelei: wir reden hier von bild. die zielgruppe haelt hans meiser fuer intellektuell. so falsch ist der humor nicht.
meint c am 02.07.2004 um 01:14 via Kommentar